Wenn ein Lebens- oder Rentenversicherungsvertrag nicht mehr passt, denken die meisten zuerst an die Kündigung. Sie ist aber nur einer von mehreren Wegen, und bei Verträgen aus den Jahren 1994 bis 2007 selten der ergiebigste. Hier stehen die Möglichkeiten nüchtern nebeneinander.

Die Wege im direkten Vergleich
Vier Möglichkeiten stehen zur Wahl, und sie unterscheiden sich weniger in der Höhe der Auszahlung als in dem, was Sie dabei aufgeben. Wählen Sie einen Weg aus, um die Einzelheiten zu sehen.
Kündigen
- Was Sie erhalten
- Den Rückkaufswert, also die Beiträge abzüglich Abschluss- und Verwaltungskosten sowie eines möglichen Stornoabzugs.
- Dauer
- Meist wenige Wochen.
- Aufwand
- Gering: ein Schreiben an den Versicherer genügt.
- Was Sie aufgeben
- Den Versicherungsschutz und in aller Regel die Schlussüberschüsse. Ein etwaiger Widerspruchsanspruch bleibt davon allerdings unberührt.
- Wofür geeignet
- Wenn Geld kurzfristig gebraucht wird und der Vertrag nachweislich keine Angriffspunkte bietet.
Verkaufen
- Was Sie erhalten
- Einen mit dem Aufkäufer verhandelten Kaufpreis. Er liegt üblicherweise über dem Rückkaufswert, wie weit darüber, hängt vom Einzelfall ab.
- Dauer
- Einige Wochen, sofern sich ein Käufer findet.
- Aufwand
- Mittel: Angebote einholen und vergleichen.
- Was Sie aufgeben
- Alle Rechte aus dem Vertrag gehen auf den Käufer über.
- Wofür geeignet
- Eingeschränkt. Der Zweitmarkt ist deutlich enger geworden, seit mehrere Aufkäufer den Ankauf zurückgefahren oder eingestellt haben. Fondsgebundene Verträge werden besonders häufig abgelehnt.
Beitragsfrei stellen
- Was Sie erhalten
- Vorerst nichts. Der Vertrag läuft ohne weitere Einzahlungen weiter und wird zum Ablauf ausgezahlt.
- Dauer
- Sofort wirksam, die Auszahlung erfolgt erst zum Vertragsende.
- Aufwand
- Gering: eine formlose Mitteilung an den Versicherer.
- Was Sie aufgeben
- Die künftige Beitragszahlung und damit einen Teil der garantierten Leistung. Der Versicherungsschutz bleibt in reduziertem Umfang bestehen.
- Wofür geeignet
- Wenn die laufende Belastung das Problem ist und kein akuter Geldbedarf besteht. Alle anderen Wege bleiben offen.
Widerrufen
- Was Sie erhalten
- Bei einer wirksamen Rückabwicklung die Beiträge zuzüglich der vom Versicherer damit erwirtschafteten Nutzungen, abzüglich des verbrauchten Risikoanteils.
- Dauer
- In den dokumentierten Fällen zwischen vier Wochen und 41 Monaten.
- Aufwand
- Zunächst gering: Die Prüfung, ob der Vertrag überhaupt infrage kommt, ist kostenlos.
- Was Sie aufgeben
- Den Vertrag rückwirkend. Ob das im Einzelfall günstiger ist als Behalten, zeigt erst die Prüfung.
- Wofür geeignet
- Verträge aus dem Policenmodell der Jahre 1994 bis 2007 mit fehlerhafter Widerspruchsbelehrung.
Allgemeine Gegenüberstellung, keine Empfehlung für einen konkreten Vertrag. Manchmal ist auch Behalten die beste Entscheidung.
Kündigen: schnell, aber endgültig
Die Kündigung ist der einfachste Weg. Ein formloses Schreiben an den Versicherer genügt, das Geld kommt meist innerhalb weniger Wochen. Sie erhalten den Rückkaufswert, also Ihre Beiträge abzüglich der Abschluss- und Verwaltungskosten, des verbrauchten Risikoanteils und gegebenenfalls eines Stornoabzugs. Frist, Musterschreiben und Steuerfragen stehen im Beitrag Lebensversicherung kündigen.
Was dabei oft übersehen wird: Ein erheblicher Teil der Überschussbeteiligung wird bei klassischen Verträgen erst bei planmäßigem Ablauf gutgeschrieben. Wer vorher kündigt, verliert diesen Schlussanteil in der Regel ganz oder überwiegend. Warum der Rückkaufswert so niedrig ausfällt, erklärt der Beitrag Lebensversicherung Rückkaufswert im Einzelnen.
Hinzu kommt der Versicherungsschutz. Mit der Kündigung entfällt die Todesfallleistung. Wer sie später wieder aufbauen möchte, zahlt im höheren Alter deutlich mehr - falls er überhaupt noch angenommen wird.
Und ein steuerlicher Punkt, der bei Altverträgen ins Gewicht fällt: Bei Verträgen, die bis Ende 2004 abgeschlossen wurden, kann eine vorzeitige Kündigung die Steuerfreiheit der Auszahlung gefährden. Das gehört vor der Unterschrift mit einem Steuerberater geklärt.
Verkaufen: der Zweitmarkt ist eng geworden
Beim Verkauf auf dem Zweitmarkt übernimmt ein spezialisierter Aufkäufer Ihren Vertrag. Er zahlt Ihnen einen ausgehandelten Kaufpreis, führt den Vertrag weiter und kassiert später die Ablaufleistung. Der Kaufpreis liegt üblicherweise über dem Rückkaufswert - wie weit darüber, hängt vom Vertrag ab und lässt sich nicht pauschal beziffern.
Der Weg hat allerdings an Bedeutung verloren. Das Geschäftsmodell der Aufkäufer beruhte wesentlich auf günstiger Finanzierung. Mit den gestiegenen Zinsen ist diese Grundlage weggefallen, und mehrere Anbieter haben den Ankauf zurückgefahren oder ganz eingestellt. Wer heute verkaufen will, findet deutlich schwerer einen Abnehmer als noch vor einigen Jahren.
Dazu kommen Einschränkungen, die viele Verträge von vornherein ausschließen:
- Geförderte Verträge wie Riester und Rürup sind vom Verkauf ausgeschlossen, ebenso Berufsunfähigkeits- und reine Risikoversicherungen.
- Die meisten Aufkäufer setzen einen Mindestrückkaufswert voraus. Kleinere Verträge werden gar nicht erst angesehen.
- Fondsgebundene Verträge werden besonders häufig abgelehnt, weil ihr Wert schwankt. Wer eine fondsgebundene Police verkaufen möchte, hat es deutlich schwerer als bei einem klassischen Vertrag.
- Die Restlaufzeit darf meist eine bestimmte Grenze nicht überschreiten.
Wer einen Verkauf erwägt, sollte mehrere Angebote einholen und auf die Seriosität des Anbieters achten. Worauf dabei zu achten ist, steht im Beitrag Lebensversicherung verkaufen; für Rentenversicherungen gelten eigene Regeln, siehe Rentenversicherung verkaufen. Und er sollte wissen: Ein Verkauf schöpft das Potenzial einer fehlerhaften Widerspruchsbelehrung nicht aus, denn mit dem Vertrag gehen auch die Ansprüche daraus auf den Käufer über.
Beitragsfreistellung: der Weg, der selten genannt wird
Zwischen Weiterzahlen und Kündigen liegt eine dritte Möglichkeit, die in Beratungsgesprächen erstaunlich selten vorkommt: die Beitragsfreistellung. Sie zahlen keine Beiträge mehr, der Vertrag läuft aber weiter und wird zum Ablauf ausgezahlt.
Das angesammelte Kapital bleibt investiert und wird weiter verzinst, die garantierte Leistung sinkt entsprechend der ausbleibenden Beiträge. Der Vorteil gegenüber der Kündigung: Sie verlieren die Schlussüberschüsse nicht zwingend, und der Versicherungsschutz bleibt in reduziertem Umfang bestehen.
Der Nachteil: Sie bekommen jetzt kein Geld. Wenn der Grund für Ihre Überlegung ein akuter Liquiditätsbedarf ist, hilft die Beitragsfreistellung nicht. Wenn es Ihnen dagegen darum geht, einen Vertrag loszuwerden, der sich nicht mehr lohnt, ist sie oft die schonendere Variante - und sie hält Ihnen alle anderen Wege offen.
Widerrufen: der vierte Weg bei Altverträgen
Verträge, die zwischen 1994 und 2007 im sogenannten Policenmodell abgeschlossen wurden, haben eine Besonderheit. Damals kam der Vertrag erst zustande, wenn der Kunde nach Erhalt der Unterlagen nicht innerhalb einer Frist widersprach. Diese Belehrung über das Widerspruchsrecht war in vielen Fällen fehlerhaft.
Ist sie es, läuft die Widerspruchsfrist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs nicht an - der Vertrag kann auch Jahrzehnte später noch rückabgewickelt werden. Der entscheidende Unterschied zur Kündigung liegt dann in der Rechenlogik: Der Versicherer muss nicht nur Beiträge herausgeben, sondern auch die damit erwirtschafteten Nutzungen. Genau der Posten, der bei einer Kündigung beim Versicherer bleibt.
Die Grundlagen erklärt der Ratgeber zum Widerruf der Lebensversicherung; welche Verträge infrage kommen, steht unter Welche Verträge betroffen sind. Ob sich dafür ein Anwalt lohnt oder die kostenlose Erstprüfung genügt, vergleicht der Beitrag Anwalt oder Erstprüfung?.
Wichtig, weil es oft falsch verstanden wird: Ein Widerspruchsanspruch besteht auch dann noch, wenn der Vertrag bereits gekündigt oder ausgezahlt wurde. Die Kündigung schließt diesen Weg nicht aus.
Was in den dokumentierten Fällen herauskam
Wie groß der Unterschied zwischen einer Abrechnung nach Kündigungslogik und einer Rückabwicklung ausfallen kann, zeigen die außergerichtlichen Vergleichsfälle unserer Abwicklungspartner. Die Balken geben an, um wie viel Prozent die tatsächlich erzielte Zahlung über dem ursprünglich abgerechneten Betrag lag.
- Vertragsart
- Kapital-Lebensversicherung
- Verfahrensdauer
- 24 Monate
- zusätzlich durchgesetzt
- 2.978,93 €
- Vertragsart
- Fondsgebundene Lebensversicherung
- Verfahrensdauer
- 12 Monate
- zusätzliche Erstattung
- 2.170,40 €
- Vertragsart
- Private Rentenversicherung mit Garantie
- Verfahrensdauer
- 41 Monate
- zusätzliche Erstattung
- 1.748,93 €
- Vertragsart
- Kapital-Lebensversicherung
- Verfahrensdauer
- 3 Monate
- nachgezahlt
- 10.991,23 €
- Vertragsart
- Fondsgebundene Rentenversicherung
- Verfahrensdauer
- 5 Monate
- Vertragsart
- Rentenversicherung
- Verfahrensdauer
- 11 Monate
- erreichte Rückerstattung
- 12.477,92 €
- Vertragsart
- Kapital-Lebensversicherung
- Verfahrensdauer
- 41 Monate
- zusätzlicher Anspruch
- 4.098,67 €
- Vertragsart
- Fondsgebundene Rentenversicherung
- Verfahrensdauer
- 9 Monate
- erreichte Auszahlung
- 7.894,48 €
- Vertragsart
- Fondsgebundene Lebensversicherung
- Verfahrensdauer
- 6 Wochen
- erreichte Auszahlung
- 17.717,99 €
Echte Kundenfälle, anonymisiert · Einzelfallergebnisse, keine Garantie. Dargestellt sind die neun Fälle der Kernbandbreite; drei weitere Fälle liegen deutlich höher und sind als Ausreißer ausgewiesen.
Alle Fälle liegen im Beweisarchiv mit dem geschwärzten Originalschreiben des Versicherers vor. Die Verfahrensdauer reichte von vier Wochen bis 41 Monate, sämtliche Fälle wurden außergerichtlich beigelegt. Es handelt sich um Einzelfallergebnisse, die nichts über den Ausgang eines anderen Vertrags aussagen.
Welcher Weg passt zu welcher Lage?
Eine pauschale Antwort gibt es nicht, aber es gibt Muster:
| Ihre Lage | Naheliegender erster Schritt |
|---|---|
| Vertrag aus 1994 bis 2007, kein akuter Geldbedarf | Belehrung prüfen lassen, bevor Sie irgendetwas unterschreiben |
| Vertrag aus 1994 bis 2007, bereits gekündigt | Trotzdem prüfen lassen - der Anspruch entfällt durch die Kündigung nicht |
| Vertrag nach 2007, Geld wird kurzfristig gebraucht | Rückkaufswert erfragen, Beitragsfreistellung als Alternative prüfen |
| Beiträge sind auf Dauer zu hoch | Beitragsfreistellung oder Beitragsreduzierung statt Kündigung |
| Fondsgebundener Vertrag, Verkauf erwogen | Mit Ablehnung rechnen; Prüfung auf Belehrungsfehler ist oft der tragfähigere Weg |
Die Reihenfolge, die Geld kostet
Ein Muster, das in der Praxis immer wieder auftaucht: Jemand kündigt, bekommt den Rückkaufswert, ärgert sich über die Höhe - und erfährt erst danach, dass sein Vertrag aus dem Policenmodell stammt.
Der Anspruch ist damit nicht verloren. Aber die Prüfung wird aufwendiger, weil Unterlagen beschafft werden müssen, die vorher noch griffbereit waren. Und die Verhandlungsposition ist eine andere, wenn der Versicherer bereits abgerechnet hat.
Die umgekehrte Reihenfolge kostet nichts. Eine kostenlose Erstprüfung klärt in wenigen Schritten, ob Ihr Vertrag überhaupt infrage kommt. Fällt das Ergebnis negativ aus, steht Ihnen die Kündigung weiterhin offen - dann allerdings mit der Gewissheit, nichts liegen gelassen zu haben.
Häufige Fragen
Lebensversicherung kündigen oder verkaufen - was bringt mehr?
Beim Verkauf liegt der Kaufpreis üblicherweise über dem Rückkaufswert, den Sie bei einer Kündigung erhalten. Der Zweitmarkt ist allerdings deutlich enger geworden: Mehrere Aufkäufer haben den Ankauf zurückgefahren oder eingestellt, und fondsgebundene Verträge werden besonders häufig abgelehnt. Bei Verträgen aus den Jahren 1994 bis 2007 lohnt es sich, vor beidem die Widerspruchsbelehrung prüfen zu lassen.
Kann ich meine Lebensversicherung noch verkaufen?
Das hängt vom Vertrag ab. Ausgeschlossen sind geförderte Verträge wie Riester und Rürup sowie reine Risikoversicherungen. Die meisten Aufkäufer setzen außerdem einen Mindestrückkaufswert und eine begrenzte Restlaufzeit voraus. Fondsgebundene Policen werden häufig abgelehnt. Grundsätzlich ist der Verkauf schwieriger geworden, seit mehrere Anbieter das Geschäft wegen der gestiegenen Zinsen zurückgefahren haben.
Was ist besser: kündigen oder beitragsfrei stellen?
Wenn Sie kurzfristig Geld brauchen, hilft nur die Kündigung oder der Verkauf - bei einer Beitragsfreistellung wird nichts ausgezahlt. Geht es Ihnen dagegen um die laufende Belastung, ist die Beitragsfreistellung meist schonender: Das angesammelte Kapital bleibt investiert, die Schlussüberschüsse sind nicht zwingend verloren, und alle anderen Wege bleiben offen.
Kann ich nach einer Kündigung noch widersprechen?
Ja. Die Rückabwicklung wegen fehlerhafter Widerspruchsbelehrung setzt nicht voraus, dass der Vertrag noch läuft. Auch bereits gekündigte oder ausgezahlte Verträge können infrage kommen. Ob im konkreten Fall noch Ansprüche bestehen, lässt sich erst nach einem Blick in die Unterlagen sagen.
Verliere ich bei einer Kündigung die Überschussbeteiligung?
Teilweise. Bereits gutgeschriebene Überschüsse sind im Rückkaufswert enthalten. Der Schlussüberschuss wird bei klassischen Verträgen jedoch erst bei planmäßigem Ablauf zugeteilt und geht bei vorzeitiger Kündigung in der Regel ganz oder überwiegend verloren.
Welche Verträge kommen für eine Rückabwicklung infrage?
Kapitallebens- und Rentenversicherungen, die zwischen 1994 und 2007 im sogenannten Policenmodell abgeschlossen wurden und bei denen die Belehrung über das Widerspruchsrecht fehlerhaft war. Ob das auf Ihren Vertrag zutrifft, lässt sich nur anhand der Unterlagen beurteilen - genau dafür ist die kostenlose Erstprüfung da.
Quellen und Rechtsgrundlagen
Grundlage der hier beschriebenen Ansprüche sind § 5a VVG a.F. (Policenmodell, Fassung bis 2007), die ständige Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs - unter anderem Az. IV ZR 5/19 und Az. IV ZR 76/11 - sowie das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 19.12.2013, Rechtssache C-209/12 („Endress“).
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung dar. Ob und in welcher Höhe in Ihrem Fall ein Anspruch besteht, hängt vom einzelnen Vertrag ab.
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Im Beweisarchiv liegen zwölf außergerichtliche Vergleiche mit dem geschwärzten Original-Schreiben des Versicherers. Wie die Prüfung im Einzelnen abläuft, steht unter So funktioniert’s.